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Realschule Billerbeck knüpft Kontakte
zu einer lettischen Schule

Gedenken an die Billerbecker Shoah-Opfer im Wald von Riga

Historisch-politische Informationsgespräche der Suwelack-Stiftung in Riga

Die Schleife trägt die Aufschrift: „Wer einen Menschen vernichtet, der vernichtet eine ganze Welt. – In stillem Gedenken. Stadt Billerbeck“ Die Schleife hängt an einem Blumenstrauß, den Barbara van der Wielen, Rektorin der Städtischen Realschule Billerbeck, und Lehrer Guido Linden kürzlich in der Gedenkstätte Bikernieki im Stadtwald von Riga (Lettland) niedergelegt haben. Im Winter 1941/42 wurden fünfzehn Billerbecker Bürgerinnen und Bürger nach Riga deportiert und im sogenannten „Reichsjudenghetto“ interniert. Die meisten von ihnen fielen den Massenerschießungen in Bikernieki zum Opfer, andere wurden in umliegenden Konzentrationslagern ermordet. Der Blumenstrauß wurde niedergelegt im Namen von Marion Dirks, der neuen Billerbecker Bürgermeisterin, als Zeichen des Gedenkens an die verfolgten und ermordeten Billerbecker Juden. Es ist ein symbolischer Beitrag zu dem Bemühen, Riga als Tatort nationalsozialistischer Verbrechen und als Gedenkort der Billerbecker Stadtgeschichte in das Bewusstsein der Billerbecker Bevölkerung zu rücken.

Die beiden Lehrer führten in den Herbstferien in der lettischen Hauptstadt Riga Gespräche, um auszuloten, ob zwischen einer lettischen Schule und der Billerbecker Realschule eine Schulpartnerschaft begründet und ein Schüleraustausch organisiert werden kann. Die Idee entstand spontan im Frühjahr in der Arbeitsgemeinschaft „Spuren Finden“, als sich die Schülerinnen und Schüler mit Riga als Deportationsziel der Billerbecker Juden beschäftigten. „Warum nehmen wir nicht einmal Kontakt auf mit einer Schule in Riga und fragen nach, womit sich die lettischen Schüler in ihren Arbeitsgemeinschaften beschäftigen?“, lautete die Frage. Von den ersten Kontakten bis zu konkreten Terminabsprachen dauerte es dann zwar noch einige Monate. Die Gespräche in drei Mittelschulen waren sehr aufschlussreich. Nun geht es an die Auswertung der Ergebnisse, die dann in den Schulgremien besprochen werden sollen.

Neben den Gesprächen in den Schulen erkundeten die Lehrer die Moskauer Vorstadt, jenes Stadtviertel in Riga, in dem sich zwischen 1941-1944 das Ghetto für die baltischen und mitteleuropäischen Juden befand. Besuche im „Jüdischen Museum Lettland“ und im „Lettischen Okkupationsmuseum“ ergänzten die vielfältigen historisch-politischen Eindrücke, die man in den zahlreichen Gesprächen gewonnen hatte. Besonders beeindruckend war der Gedankenaustausch mit Margers Vestermanis, der aus dem Rigaer Ghetto fliehen konnte und als Widerständler in den Wäldern Lettlands überlebte; heute ist er der Leiter des Jüdischen Museums. Die Reise nach Riga konnte finanziert werden dank des finanziellen Zuschusses, den die Wolfgang Suwelack-Stiftung der Realschule zur Förderung der Erinnerungsarbeit hatte zukommen lassen.

Matthias M. Ester, Vorstandsmitglied der Stiftung, begleitete van der Wielen und Linden. Er führte zahlreiche Gespräche mit betagten Zeitzeugen, die die Shoah überlebt haben, und mit jungen Wissenschaftlern, die nun beginnen, das Gedenken und Erinnern an die europäischen Shoah-Opfer zu entdecken. Ester besuchte auch das lettische Integrationsministerium und das „Latvian Center for Human Rights“. Sowohl die Regierungseinrichtung wie die private „non-governmental organization“ befassen sich mit der lettischen Minderheiten- und Menschenrechtspolitik. Friedensarbeit und Menschenrechtserziehung, Gedenkkultur und Erinnerungsarbeit – das sind die beiden Grundpfeiler des Engagementsder Suwelack-Stiftung. Schließlich knüpfte Ester Kontakte zu deutschen Institutionen, die in Riga vor Ort arbeiten, wie z.B. dem Goethe-Institut, nicht zuletzt auch um die angedachte Schulpartnerschaft vorzubereiten.

Vor zwei Jahren, am Volkstrauertag 2002, stellte die Arbeitsgemeinschaft „Spuren Finden“ am Billerbecker Mahnmal für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft erstmalig das Gedenkblatt an die deportierten und ermordeten Kinder Rolf-Dieter und Eva Eichenwald der Öffentlichkeit vor. Das Gedenkblatt wird eingeleitet mit einem Spruch aus dem Talmud: „Wer einen Menschen vernichtet, der vernichtet eine ganze Welt“. Ganz bewusst hat Marion Dirks diesen Spruch gewählt für das Gedenkzeichen, das die Billerbecker Lehrer in ihrem Namen in der Gedenkstätte Bikernieki niedergelegt haben.

(14. November 2004)