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Das Riga-Projekt der Wolfgang Suwelack-Stiftung:

(I) Einladung an Prof. Dr. Gertrude Schneider (USA) –

Schüler-Arbeitsgemeinschaft „Spuren Finden“ der Städtischen Realschule Billerbeck


Auf Einladung der Stiftung wird die renommierte Historikerin Prof. Dr. Gertrude Schneider (USA) im Juni 2005 nach Deutschland kommen. Gertrude Schneider ist emeritierte Professorin der City University of New York. 1928 in Wien geboren, wurde sie im Februar 1942 nach Riga in das „Reichsjuden-Ghetto” deportiert. Sie überlebte die Shoah, ließ sich 1947 in den USA nieder und begann eine Karriere als Wissenschaftlerin. 1979 erschien ihr Buch „Journey into Terror. Story of the Riga Ghetto“, bislang die einzige Gesamtdarstellung des Ghettos in Riga. Die im Jahr 2001 veröffentlichte zweite Auflage wird in Kürze, völlig überarbeitet und ergänzt, in deutscher Übersetzung vorliegen.

Als Zeitzeugin und Historikerin wird Gertrude Schneider von den Deportationen und dem Ghetto in Riga berichten. Fast 25.000 Deutsche, Österreicher und Tschechen jüdischer Konfession wurden im Winter 1941/42 und im Sommer 1942 ins Baltikum verschleppt, nur wenig mehr als 1.000 überlebten die Internierung. Gertrude Hirschhorn, so ihr Mädchenname, wurde im Februar 1942 von Wien aus nach Riga deportiert. Sie verbrachte ihre Jugend im Rigaer Ghetto, geprägt von Terror und Tod, Krankheit und Hunger, aber auch von der Notwendigkeit, einen geregelten Alltag unter den herrschenden Zwangsbedingungen aufrecht zu erhalten. Frau Schneider überlebte die Konzentrationslager Kaiserwald (bei Riga) und Stutthof (bei Danzig), wo sie schließlich im Außenlager Sophienwalde im März 1945 befreit wurde. Ihr Weg nach Hause führte sie quer durch Polen, die Ukraine und die Slowakei bis nach Ungarn. Anfang Juni 1945 konnte Gertrude mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in das befreite Wien zurückkehren. Ihr Vater, der ebenfalls im August 1944 mit nach Stutthof deportiert worden war, wurde im April 1945 im KZ Buchenwald (bei Weimar) umgebracht.

Das Ghetto in Riga und die umliegenden Arbeits- und Konzentrationslagern ist von zentraler Bedeutung für die westfälische und rheinländische Geschichte. Hier endeten die Deportationszüge aus Münster/Bielefeld, Dortmund, Düsseldorf und Köln, mit denen knapp 4.000 Juden verschleppt wurden; nur 408 Personen überlebten. Mit den Deportationen begann die letzte Etappe der Verfolgung und Vernichtung der Juden im Nationalsozialismus. Die deportierten und ausgebeuteten Juden wurden in den Wäldern um Riga erschossen, wenn sie nicht schon vorher aufgrund der unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen verstorben waren. Das lettische Riga ist somit ein Tatort und Gedenkort einer jeden Ortsgeschichte, ein Ort der westfälischen und rheinländischen Regional- und Lokalgeschichte.

Die Wolfgang Suwelack-Stiftung unterstützt die Erinnerungsarbeit der Städtischen Realschule Billerbeck. Die Schüler-Arbeitsgemeinschaft „Spuren finden“ unter der Leitung des Lehrers Guido Linden forscht seit Anfang 2002 über das Schicksal der Billerbecker Kinder Rolf-Dieter und Eva Eichenwald. Die 1936 und 1937 geborenen Geschwister sind mit ihren Eltern im Dezember 1941 von Düsseldorf aus in das Ghetto Riga deportiert worden. Keiner hat die Shoah überlebt. Ein Gedenkblatt ist erarbeitet worden, das den kurzen Lebensweg der Billerbecker Kinder dokumentiert. Im November 2002 präsentierte die Arbeitsgemeinschaft die ersten Ergebnisse ihrer Nachforschungen der Öffentlichkeit während der Gedenkfeier zum Volkstrauertag. Im Juli 2003 wurde das Gedenkblatt in das „Gedenkbuch an die Opfer des Nationalsozialismus im Münsterland“ eingelegt. Das Gedenkbuch, ein Projekt des Vereins „Spuren Finden“, liegt in der Villa ten Hompel in Münster aus, damals ein nationalsozialistischer Täterort, heute ein renommierter Geschichtsort.

[Als ein Beispiel der Förderaktivitäten der Stiftung dokumentiert die website das Riga-Projekt der Städtischen Realschule Billerbeck; Spuren Finden 2002/03; Spuren Finden 2004/05]

Die Billerbecker Arbeitsgemeinschaft stand bislang in brieflichem Kontakt mit Gertrude Schneider, nun kann die Aufarbeitung des Schicksals der Kinder Rolf-Dieter und Eva Eichenwald im Juni 2005 im persönlichen Gespräch in Billerbeck fortgesetzt werden. Der Besuch der Historikerin und Zeitzeugin Gertrude Schneider soll helfen, an den Massenmord an den Juden in Riga zu erinnern und die Bedeutung des Zivilisationsbruchs in das historisch-politische Bewusstsein zu rücken. Aufklärung und Erinnerung brauchen lokale und regionale Bezüge.

Auf der neuen Gedenktafel an die Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft, die am Volkstrauertag 2002 der Öffentlichkeit übergeben worden ist, steht mehr als ein Dutzend Mal „nach Riga deportiert“ hinter den Namen von jüdischen Bürgerinnen und Bürger aus Billerbeck. Mit der namentlichen Erwähnung sind erstmals die einheimischen Shoah-Opfer im öffentlichen Raum im Zentrum Billerbecks festgeschrieben worden. Ende November 2001 ist im Wald von Bikernieki eine Gräber- und Gedenkstätte eingeweiht worden, die an die Jüdinnen und Juden erinnert, die aus Deutschland in das „Reichsjuden-Ghetto“ nach Riga deportiert worden und die den Massenerschießungen im Stadtwald zum Opfer gefallen fielen. Im Oktober 2004 legten Barbara van der Wielen, Direktorin der Billerbecker Realschule, und Guido Linden im Namen der neuen Bürgermeisterin Marion Dirks Blumen in Bikernieki im Gedenken an die Billerbecker Deportierten und Ermordeten nieder. Der Tatort in Lettland ist zum Gedenkort an Billerbecker Bürgerinnen und Bürger geworden. Der Gedenkort in Bikernieki ist gewissermaßen das Pendant zum Gedenkort in Billerbeck. Die Gedenktafel in Billerbeck und die Gedenkstätte in Bikernieki ergänzen sich – der Herkunfts- und Wohnort und der Leidens- und Todesort stehen in symbolischer Verbindung.


[Stand: 10. März 2005]