IMPRESSUM
Startseite
Aktuelles
Anliegen
Förderung
Projekte
Vorgeschichte
Stiftung
Stifter
Vorstand
Beirat
Satzung
Archiv
Kontakt

Von der anfänglichen Verlegenheit zum nachhaltigen Engagement:

Wolfgang Suwelack und Billerbecker Holocaust-Opfer

„Selten hat mich eine persönliche Begegnung so tief beeindruckt wie die mit Anna Uhlmann. Anna Uhlmann, geborene Albersheim, wurde 1910 in Billerbeck geboren. Heute lebt sie in den USA. Ihr Vater Louis Albersheim war als Tierarzt in der Billerbecker Molkerei Mitarbeiter meines Großvaters Josef Suwelack. Louis Albersheim starb 1927. Sein Grab auf dem jüdischen Friedhof in Billerbeck ist bis heute erhalten. Rosa Albersheim, geborene Stern, die Mutter von Anna Uhlmann, wurde 1942 von Köln aus in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo sie am 22. November 1942 umkam.

Vieles erzählte mir „Anna“, wie ich sie nennen sollte, erstmals im August des Jahres 2001 in ihrem Haus in Oak Lawn bei Chicago. Viele Monate zuvor hatten wir miteinander telefoniert und korrespondiert. Ich war fasziniert von ihrem Stil, ihrer Liebenswürdigkeit und der Aufgeschlossenheit, mit der sie mich empfing. Ihre Erinnerungen an Billerbeck waren voller Schmerz und Traurigkeit, von Wehmut und tiefer Heimatverbundenheit geprägt.“

So beginnt Wolfgang Suwelack sein Vorwort zu dem Buch „Zersplitterte Sterne“ von Veronika Meyer-Ravenstein, ein Erinnerungsbuch an die jüdischen Familien in Billerbeck in der Weimarer Republik und unter dem Nationalsozialismus. Die Begegnung mit Anna Uhlmann hatte nicht nur großen Eindruck hinterlassen – sie hatte auch vielfältige Konsequenzen. Ein Ergebnis war im September 2002 die Herausgabe dieses Buches durch den Förderverein Mahnmal Billerbeck, dem Wolfgang Suwelack vorsteht.

„Im Verlauf unseres Gesprächs erkundigte sich Anna Uhlmann nach dem einen oder anderen ihrer früheren Bekannten,“ fährt Suwelack in seinem Vorwort fort. „Sie brachte mich in große Verlegenheit mit ihrer Hoffnung, dass aus diesem Kreis niemand Parteimitglied der NSDAP oder gar aktiver Nationalsozialist geworden sei. Dieses Vertrauen berührte mich zutiefst. Es betrifft die Geschichte meiner Heimatstadt Billerbeck, vieler Billerbecker Familien und nicht zuletzt die eigene Familiengeschichte. Natürlich gab es ein „braunes“ Billerbeck von 1933 bis 1945. Wer könnte das bestreiten. Mir wurde, während Anna Uhlmann erzählte, unmittelbar klar, dass jahrzehntelang über diese Zeit in Billerbeck kaum gesprochen, geforscht und geschrieben wurde.“

Die vielen Gespräche mit Anna Uhlmann bestärkten Wolfgang Suwelack, auf dem Weg der historisch-politischen Aufarbeitung und Aufklärung fortzuschreiten. Schon im Herbst 1999 hatte der Förderverein Mahnmal einen Ideenwettbewerb ausgeschrieben, mit dem das Billerbecker „Kriegerehrenmal“ von 1926 künstlerisch weiterentwickelt werden sollte. Nach den Vorschlägen der Havixbecker Künstler Wolfgang Winter und Berthold Hörbelt sollte aus dem traditionellen „Kriegerehrenmal“ ein zeitgemäßes „Mahnmal für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ werden. Den Umwandlungsprozess begleitend, erschien im Jahr 2001 ein schmales Buch, das erstmals alle Namen der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in und aus Billerbeck im 20. Jahrhundert auflistete.

Unter den Namen der aus Billerbeck stammenden jüdischen Opfer stehen auch die Namen der beiden Kinder Rolf-Dieter und Eva Eichenwald. Rolf wurde am 27. August 1936 und Eva am 15. Dezember 1937 in Billerbeck geboren. Ihre Eltern Otto Eichenwald, geboren 1906 in Horstmar, und Ruth Albersheim, geboren 1915 in Billerbeck, hatten 1935 geheiratet. Die Familie wohnte in der Lange Straße 13 im Haus von Joseph Albersheim und seiner Frau Selma Isaakson, die ein Textilkaufhaus führten. Wolfgang Suwelack, selbst Jahrgang 1937, hatte bemerkt, dass er und Rolf-Dieter und Eva Eichenwald gleichaltrig waren. Wären die Geschwister Eichenwald nicht im September 1938 nach Krefeld umgezogen und im Dezember 1941 nach Riga in das dortige Ghetto deportiert worden, hätte er mit ihnen Kindheit und Jugend in der Berkelstadt verbracht. Er wäre mit Rolf-Dieter und Eva in die Billerbecker Volksschule gegangen.

Das Erschrecken saß tief, die Erkenntnis hatte Folgen: Während Wolfgang Suwelack und seine Altersgenossen ihrer Zukunft entgegengingen, bis Kriegsende eine zwar ungewisse und belastete Zukunft sicherlich, nach Kriegsende aber eine Zukunft in Frieden und Freiheit, später sogar in Wohlstand und Sicherheit, wurden Rolf-Dieter und Eva Eichenwald zu Verfolgten und schließlich zu Opfern der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Sie wurden um ihre Kindheit gebracht und ihrer Zukunft beraubt. Ihr Schicksal ließ Wolfgang Suwelack nicht mehr los. Er regte an, dass Schüler und Schülerinnen der Realschule Billerbeck (der früheren Rektoratsschule, die auch er besucht hatte) versuchen sollte, das Schicksal der Familie Eichenwald aufzuklären. Die Arbeitsgemeinschaft „Spuren finden“ unter der Leitung des Lehrers Guido Linden erforscht seit 2002 die kurzen Leben der beiden Billerbecker Kinder.

Das Ergebnis dieser fundierten Recherchen liegt inzwischen in Form eines Gedenkblattes vor. Die Schüler stellten das Gedenkblatt erstmals im November 2002, am Volkstrauertag, der Billerbecker Öffentlichkeit vor, als die neue Gedenktafel für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im 20. Jahrhundert übergeben wurde. Im Juli 2003 wurde das Blatt in das „Gedenkbuch an die Opfer des Nationalsozialismus im Münsterland“ eingelegt. Das Gedenkbuch, ein Projekt des Vereins „Spuren finden“, liegt in der Münsteraner Villa ten Hompel aus, damals ein nationalsozialistischer Täterort, heute ein renommierter Geschichts- und Lernort.

Vater Otto Eichenwald erlag den unmenschlichen Bedingungen im Konzentrationslager Salaspils bei Riga. Ob die Mutter Ruth und die beiden Kinder in Riga ermordet wurden, oder ob sie im Herbst 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden, ist noch ungeklärt. Irgendwann, irgendwo sind Rolf-Dieter und Eva Eichenwald erschossen oder vergast worden. Die Kinder fanden damals kein Grab, und kein Grabstein erinnert heute an sie. Seit kurzem jedoch gibt es in Billerbeck ein öffentliches und ständiges Gedenken an diese Familie wie auch an alle anderen verfolgten und ermordeten Billerbecker jüdischer Konfession. Ihre Namen finden sich auf der Gedenktafel für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im 20. Jahrhundert, die am Volkstrauertag 2002 neben dem „Kriegerehrenmal“ enthüllt wurde.

Die Gedenktafel geht ebenfalls auf die Initiative des Fördervereins zurück; sie passt sich in den Umwandlungsprozess vom Ehrenmal zum Mahnmal ein. Die Namenstafel bringt das Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in das allgemeine Totengedenken der Billerbecker Bevölkerung ein und hebt das Gedenken an die Opfer der Shoah besonders hervor. Das öffentlich festgeschriebene und namentliche Gedenken kann als eine symbolische Rückholung der Minderheit in die Billerbecker Gesellschaft verstanden werden.

Mit seinem Engagement nimmt Wolfgang Suwelack wahr, was wir als Deutsche heute den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft schuldig sind: Wir tragen die Verantwortung für das Gedenken und Erinnern an diese Zeit, nicht zuletzt an die Verfolgten und Ermordeten. Zuerst im Mahnmals-Verein, nun mit der privaten Stiftung fördert Suwelack die Fortentwicklung der Gedenkkulturen und unterstützt die Erinnerungsarbeiten vor Ort in Billerbeck. Mit der Stiftung versucht Wolfgang Suwelack, seinem persönlichen Anliegen, Gedenkkultur und Friedensarbeit zu fördern, eine institutionelle Kontinuität und finanzielle Basis in Gegenwart und Zukunft zu sichern.

Wie er selbst Verantwortung für die kritische Weitergabe von Vergangenheit empfunden und übernommen hat, so möchte Suwelack mit der Stiftung zum bürgerschaftlichen Engagement in der Gedenkkultur und Friedensarbeit ermutigen. Das Anliegen ist nun weiter gesteckt, aber die Textur des Engagements ist dieselbe geblieben: Die Bürger selbst tragen die Verantwortung für ihre Gesellschaft – Projekte und Initiativen aus zivilgesellschaftlicher Selbstverantwortung heraus entwickeln die Gedenkkultur weiter und intensivieren die Friedensarbeit.

In der Mischna, der Sammlung von Lehrsätzen, die die Tora kommentieren, findet sich in den Sprüchen der Väter (Mishnah Avot) ein Lehrsatz des rabbinischen Gesetzeslehrers Hillel, der in seiner verkürzten Form lautet: „Wenn nicht ich, wer? Wenn nicht jetzt, wann?“ Hier wird eine Verantwortungsethik angesprochen, die auch dem Anliegen von Wolfgang Suwelack zu Grunde liegt: die eigene, die persönliche Verantwortung verbindet sich mit der Aufforderung an sich und andere, die gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen, und zwar jetzt, in dieser Zeit, unter den gegebenen Bedingungen und mit Blick auf die Zukunft. Das kurze Musikstück, das einen integralen Teil der künstlerischen Umwandlung des Billerbecker „Kriegerehrenmals“ bildet und jeden Sonntag um 11.30 Uhr aufgeführt wird, trägt die Aufforderung zum Engagement in die Öffentlichkeit der Berkelstadt. Es hat den Titel: „wenn nicht du“.

 

M.M.E.